Text: Dr. Sylvia Dominique Volz, Kunsthistorikerin, Berlin 2010

BARBARA GERASCH: MIT PINSEL UND PASTE AN DIE SPITZE(N)

Überblickt man das noch junge Oeuvre der frisch gebackenen Absolventin der Akademie für Malerei Berlin, so fällt die deutliche Affinität zu menschlichen Darstellungen ins Auge. Menschen, so sagt Barbara Gerasch, übten auf sie die größte Faszination aus. Sich als Porträtmalerin bezeichnen zu lassen, lehnt sie jedoch entschieden ab: „Male ich wirklich Einzelpersonen? Geht es mir um individuelle Charaktere? Die Antwort ist immer wieder: Nein.“ Tatsächlich zeigt sich bei näherer Betrachtung eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit, die weit über das bloße Porträtieren hinausgeht. Ihre jüngste, einundzwanzigteilige Arbeit, welche die Gesichter der Fußball-Damen nur halb offenbart und damit die einen Menschen besonders charakterisierende Augenpartie auslässt, zeigt, dass es der Künstlerin um andere Bildinhalte geht. „In meinen Porträtserien soll es vielmehr um die Charakteristik eines bestimmten Typus, einer Gruppe, Situation oder eines Zeitraums gehen“, so die Künstlerin, die darin eine Parallele zu Arbeiten von Marlene Dumas zieht.

Einundzwanzig frontal ausgerichtete Oberkörper zieren die Wand in pyramidaler Anordnung. Vor einem goldroten Hintergrund, überzogen mit Ornamenten, die an kostbaren Seidenbrokat erinnern, erheben sie sich mit stolz schwellender Brust und auf dem Rücken verschränkten Armen. Ihre Trikots weisen die Dargestellten unmissverständlich als deutsche Fußballnationalmannschaft aus. Doch sind es weder Michael Ballack noch Lukas Podolski – nein, es sind die Damen, erkennbar an den roten Lippen, welche der auf die untere Gesichtshälfte beschränkte Ausschnitt preisgibt. Auch die Wölbungen, die die Trikots in Bewegung bringen, verraten die wahre Identität bzw. das Geschlecht der Akteure.

Für Geraschs Arbeiten außerdem charakteristisch ist die kontinuierliche Verwendung von Textilien. Diese erklärt sich aus der Biographie heraus: 1961 in Ost-Berlin geboren, war es ihr aufgrund der politischen Situation in der DDR und mangels Unterstützung von Seiten der eigenen Familie zunächst verwehrt, den Traum einer Ausbildung zur Malerin zu verwirklichen. So erlernte sie den Beruf der Damenmaßschneiderin, der ihr eine alternative Möglichkeit bot, ihrem kreativen Potenzial Ausdruck zu verleihen.

Über Jahre hinweg bewegte sie sich in der Off-Szene junger ostdeutscher Designer, unterstützte sie bei den Modeschauen, entwarf und nähte zudem für die Shows der bekannten Ost-Berliner Modelagentur Mode-Kommode. Ihren Wunsch, sich zur Malerin ausbilden zu lassen, hat sie dennoch nie aufgegeben. Auch wenn er sich erst Jahre später verwirklichen ließ, beschreibt Geraschs Werdegang doch eine Kontinuität, die sich in der alternativen Umsetzung ihrer Kreativität mitteilt. Es verwundert nicht, dass die Meisterschülerin von Ute Wöllmann in der Verbindung von Malerei und Textil letztlich ihre eigene Formsprache entwickelt hat.

„Es ist angerichtet.“ Die Ironie schwingt bereits im Titel an, den Gerasch für die Fußballer-Damen gewählt hat. Auf die Mannschaft wurde sie kurz vor der EM im Sommer 2009 aufmerksam. Besonders ins Auge fielen ihr dabei die Leidenschaft, Begeisterung und Unbeirrtheit, mit der die Frauen sich in einer von Männern so stark dominierten Sportart behaupten wollen. Sie studierte entsprechendes Fotomaterial im Internet: „Besonders die Steckbrieffotos hatten es mir angetan. Ein direkter Blick in die Kamera, ein breites Lächeln, die Hände auf dem Rücken verschränkt und die Brust offen dem Betrachter zugewandt.

Der Brustbereich der Trikots verziert mit Nationalfarben, Bundesadler, Adidas-Logo, Mercedes-Stern und dem Logo des Hauptsponsors: einem renommierten deutschen Küchenhersteller. Welch´ Ironie!“ Gerasch übernimmt die männlich konnotierte Präsentationsart der Steckbriefe und „verweiblicht“ sie in ironisierender Art. Die mit Häkeldeckchen und Teilen karierter Geschirrtücher überzogenen Leinwände hat sie mit Strukturpaste bearbeitet, anschließend mit einem Küchenmesser „attackiert“ und dem Pinsel bemalt. Die aus der Struktur heraus entstehenden Assoziationen mit Kampfspuren und Blessuren sind evident, ebenso die durch den textilen Untergrund entstandenen Bewegungen der darüber gemalten Trikots, die den Eindruck weiblicher Wölbungen evozieren. Das Changieren zwischen männlichem und weiblichem Selbstverständnis, traditionellen und modernen gesellschaftlichen Wertvorstellungen veranschaulicht Gerasch so auf vielschichtige Weise.

Der Hintergrund setzt sich von einer auf die nächste Tafel fort, verbindet die einzelnen Darstellungen zu einer Serie. Einmal mehr wird deutlich, dass es der Künstlerin nicht um Individualität geht, sondern um die Suche nach dem Verbindenden, mit dem sie dem Betrachter einen neuen Blick auf die Dargestellten eröffnen möchte. So auch in ihrem früheren Serien wie der 2009 entstandenen Bildnisse von 24 Bewohnern eines Heims für Behinderte oder „100 Alte“ von 2008. Gerasch rückt somit Gruppen in den Fokus, mit denen sich unvoreingenommen auseinanderzusetzen unsere Gesellschaft (noch) nicht bereit ist. In ihren Arbeiten, welche die Würde der Akteure vermitteln möchten, leitet sie uns an, genauer hinzusehen.

Daraus, dass ihre Bildthemen dabei stark vom Bewusstsein der eigenen Weiblichkeit gelenkt sind, macht sie keinen Hehl – im Gegenteil, führt dieses doch auch immer wieder zu Selbstinszenierungen, wie z.B. „My home is my castle“ (2009) oder „Ohne Worte“ (2010). Letzteres Werk ist ein weiteres Beispiel für die virtuose Technik der Künstlerin. Die dafür eigens angefertigten Filetspitzen hat sie auf drei entsprechend kreisförmigen Sperrholzplatten aufgeklebt, in deren Mitte sie mit Strukturpaste eine als Maluntergrund fungierende Erhöhung geschaffen hat. Die integrierten Häkeldeckchen rücken erneut die feminine Thematik in den Fokus, bedeuten sie Gerasch doch Symbol für Generationen von Frauen, denen die Handarbeit oftmals einzig ausgelebte Leidenschaft bedeutete. „Handarbeiten waren viele Jahrhunderte lang einzig erlaubtes und erwünschtes kreatives Ausdrucksmittel für Frauen. Für die Kinder meiner Generation, denen der frühen 60er Jahre, war das Erlernen von Handarbeitstechniken noch eine Selbstverständlichkeit.“, erklärt sie.

Am Ende eines langen Findungsprozesses hat die Künstlerin festgestellt, dass sich Filetspitzen für ihre künstlerische Ausdrucksform am besten eignen, können sie doch sowohl als eigenständiger Bildgrund, als integrativer Bestandteil des Bildes, als auch Schablone für die Gestaltung von Ornamenten verwendet werden. Mithilfe einer eigens entwickelten Spannvorrichtung, lassen sich die darin fixierten Deckchen in die Strukturpaste drücken. Die dabei entstehende Struktur erinnert Gerasch an Stein oder Abdrücke von Fossilien, aber insbesondere auch an Narben, Falten, Lebens- und Gebrauchsspuren, die sich in die Darstellung einbinden lassen. Das kreisförmige Ornament, auf welches sie sich nunmehr verstärkt konzentriert, betrachtet sie als ein dem Kreislauf der Natur folgendes Motiv, wobei sie ihre Inspiration von den Arbeiten Beatriz Milhazes´ ableitet.

Ihre Entwicklung als Künstlerin sieht Barbara Gerasch noch lange nicht beendet. Obwohl sie im Laufe ihrer Ausbildung ihre individuellen Materialien und Formsprache gefunden hat, ergeben sich daraus doch schier unerschöpfliche Kombinations- und Variationsmöglichkeiten. Sie bewahrt sich ihre Offenheit, Neugier und ihren Fleiß, um sich immer weiter zu entwickeln. Wir dürfen gespannt sein.