ALTAR DER 100 ALTEN

 

ALTAR DER 100 ALTEN | 450 x 660 cm

2008

„Will ich alt werden? Ich meine, so richtig alt?“ Alt werden ist nichts für Feiglinge, heißt es. Aber ist das so? Diese Fragen beschäftigen mich, während im Herbst 2007 bei einem Spaziergang mein Blick an einem Gebäudekomplex hängen bleibt. Wie sich herausstellt, ist es ein Altersheim…

Im April 2008 beginne ich, 10 Wochen lang jede Woche 10 Portraits zu malen. Für jedes Bild nehme ich mir 60 Minuten Zeit. Länger halten die alten Leute das Stillsitzen nicht durch. Ich arbeite nass-in-nass. Die noch feuchten Portraits hänge ich direkt in den Gängen des Heims auf. Setze mich der unmittelbaren Kritik meiner Modelle und deren Angehörigen aus. Ein Modell verschlimmbessert sich über Nacht mit Lippenstift. Ich bin nicht sicher, ob ich mich ärgern oder ob ich darüber lachen soll. Ich entscheide mich für letzteres. Ich arbeite im Foyer, während dort der ganz normale Betrieb stattfindet. Auch, während der Notarzt an mir vorbei rennt oder Pärchen zum Tanztee kommen.

Nach 3 Monaten und 100 Portraits habe ich ein paar Antworten. Es bleibt die Frage, was nun werden soll. Die Portraits verschwinden im Speicher.

2012

4 Jahre später begeistert sich der Pfarrer einer evangelischen Kirchengemeinde für die Serie. Er fragt mich, ob er sie benutzen darf und setzt sich heftiger Kontroversen in seiner Gemeinde aus, als er die Idee ausspricht, die wie eine Ikonostase anmutenden Bilder um seinen Steinaltar herumzugruppieren. Er will die Alten „über Jesus“ stellen. Sein Vorhaben wird heftig diskutiert. Ich freue mich. Was er sagt, klingt schlüssig. Ich gehöre keiner Religion an und verstehe die Aufregung nicht, aber Kontroversen sind gut, denke ich. Nicht alle Gemeindeglieder kann Pfarrer Alexander Höner mit seinen Antworten überzeugen. Manche kommen nicht mehr zum Gottesdienst. Andere fühlen sich belästigt vom direkten Blick der Alten auf die Menschen in den Kirchenbänken. Die meisten lieben die Alten auf Goldgrund und nach ein paar Monaten zählen sie zur Gemeinde. Einige der Modelle sind bekannt dort, denn die Kirche ist in der Nähe des Heims. Ist eines von ihnen verstorben, inzwischen sind das etliche, kommt auch die Trauergemeinde noch einmal zusammen und hält eine kleine Andacht vor dem Portrait. Kinder und Jugendliche setzen sich im Rahmen von Veranstaltungen mit dem Thema Alter auseinander und sprechen über die Bilder.
Nach mehr als 2 Jahren interessieren sich weitere Gemeinden für die Alten und so wird es Zeit, weiter zu wandern. Zum Abschluss der Ausstellung in der Christophoruskirche in Berlin-Frierichshagen erscheint das Buch „Ich will euch tragen, bis ihr grau werdet“.

2015 – 2017

St.-Bartholomäus-Kirche in Berlin-Mitte

Die Alten flankieren jetzt in 2 Blöcken einen gemalten Jesus. Wieder erhält die Serie eine breite öffentliche Aufmerksamkeit. Aufregen tut sich hier jedoch niemand.

2017

Das „Zentrum Alter“ des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Berlin fragt an, ob die Portraits der Alten auf dem Kirchentag gezeigt werden können. Man wünscht sich einen Mittelteil, der den religiösen Kontext herstellen soll. Ich sträube mich gegen die Idee. Ich bin kein Kirchenmaler und verfolge keine religiösen Ideen. Dann recherchiere ich. Das Thomas Evangelium fixt mich an. Besonders mag ich die Ideen, dass das Himmelreich überall ist, in uns und außerhalb von uns. Und dass das Paradies jetzt stattfindet, nicht erst im Jenseits. Ich beschließe, auf die Darstellung von Jesus am Kreuz zu verzichten. Stattdessen benutze ich zur Inspiration einen Vers, der mich besonders berührt hat. (004): “Der Mensch, alt in seinen Tagen, wird nicht zögern, ein kleines Kind von sieben Tagen über den Ort des Lebens zu befragen, und er wird leben. Denn viele Erste werden Letzte sein, aber sie werden alle zu einem werden.“

Ausschnitt MITTELTEIL
Ausschnitt SEITENFLÜGEL rechts
Zuarbeiten für den Mittelteil | Jugendliche zeichnen Ornamente und Muster
Vorbereitung zum Abtransport | Messehallen am Funkturm, Berlin, Juni 2017